Geschrieben von: Michaela Neger
Da sitzt du nun. Dein Sohn würde es als abhängen bezeichnen. Deine Mutter tadelte es immer als dumm herumhängen. Doch du sitzt weiter da und wartest. Die Zeit verstreicht nicht und schon macht sich der erste Durchhänger bemerkbar. Die Sekunden scheinen an den Zeigern zu kleben. Du stellst dir vor, wie die Zahnräder der Kuckucksuhr dir gegenüber von einer zähen Masse wie Kaugummi bestrichen, Fäden ziehen. Nur schwer voneinander lassen können. Selbst das Ticken wird dumpf und tief, als wenn sich ein Schallplattenteller immer langsamer drehen würde. Endlich schlägt es zur vollen Stunde, öffnet sich das kleine Türchen hinter dem der Kuckuck wohnt. Wie in Zeitlupe. Und du möchtest nachhelfen. In den kleinen Kasten greifen und diesen blöden Vogel herauszerren. Dein ganzer Körper wartet angespannt darauf, dass die Zeit vorübergeht. Doch es scheint, man hat dich einfach hängenlassen und du fühlst dich so hilflos, so ausgeliefert.
Du schaust auf den festlich gedeckten Kaffeetisch. Das gute Porzellan mit den kleinen Röschen und dem Goldrand. Bemerkst die tischkantengetreue Ausrichtung der silbernen Kuchengabeln, die akkurat gefalteten Spitzenservietten. An der Kaffeekanne der Tropfenfänger, den du selbst im Handarbeitsunterricht gefertigt hast. Vor langer Zeit, die damals wohl noch schneller verging. Ein Tropfen Kaffee löst sich und fällt auf den dicken weichen Stoff. Tränkt das, was wie ein Muff für Barbiepuppen aussieht in ein dunkles Braun. Geräuschlos. Und du fragst dich, wer auf die Idee gekommen ist, wohlgeformte Kaffeekannen aus feinstem Meißner Porzellan mit derartigen Handarbeitsartikeln zu verunstalten. Du weißt es nicht. Du fühlst dich schuldig. Du selbst hast nicht nur Tropfenfänger in allen erdenklichen Farben zu Weihnachten unter den Verwandten verteilt, du hast ebenso zu Geburtstagen gehäkelte Klohütchen verschenkt und bunte Eierwärmer zu Ostern. Doch das ist lange her, sehr lange. Du überlegst, ob du dir selbst verzeihen könntest. Diesen Hang, der Nachwelt etwas Bleibendes zu hinterlassen.
Dir gegenüber sitzt deine Mutter, alt und grau und taub. Wirkt wie zu lange abgehangen und dann vergessen im Dunst der alltäglichen Belanglosigkeiten und wartet. Wie du. Die Hände liegen gefaltet in ihrem Schoß, verdeckt von Tisch und Tuch. So zittern sie nicht. Und du blickst auf die eigenen Hände, kontrollierst jede kleine Regung. Kein Zittern. Erleichterung. Dann klingelt es.
Die Stille zerreist, reißt dich aus deinen Gedanken. Es ist als wenn das Seil, an dem du dich eben noch hast hängen lassen, plötzlich entzwei wäre. Du schlägst die Augen auf, die Uhr schlägt ihren letzten Ton zur vollen Stunde, deine Mutter schlägt ein Kreuz und du selbst entfaltest deine übereinander geschlagenen Beine. Du stehst zu schnell auf, auf dem Weg zur Tür wird dir schwindlig, doch das schaffst du schon, sagst du zu dir. Du öffnest die Tür. Der Hund deines Sohnes schießt an dir vorbei in die Stube, wie eine verwirrte Kanonenkugel. Und deine Enkeltochter zupft an deinen Blusenärmeln. Stolz drückt sie dir einen Topflappen in die Hand. Selbst gehäkelt.